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Balance zwischen Authentizität und Bindung

Adaptive Überlebensstrategien von Kindern und ihre Auswirkungen auf künftige Beziehungen


Gabor Maté veranschaulicht in seinem Buch „The Myth of Normal“, wie der Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Bindung und Authentizität zu der in der Gesellschaft am weitesten verbreiteten Art von Trauma führen kann. Er erklärt, dass Bindung ein instinktives Bedürfnis ist, den Bezugspersonen vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter nahe zu sein. Gleichzeitig bedeutet Authentizität, die eigenen wahren Gefühle zu erkennen und auszudrücken und sich ihnen entsprechend zu verhalten. Das "kleine" Trauma, von sich selbst getrennt zu sein, auch wenn kein Missbrauch oder extreme Gefahr vorliegt.


“If our environment cannot support our gut feelings and our emotions, then the child, in order to ‘belong’ and ‘fit in’ will automatically, unwittingly and unconsciously, suppress their emotions and their connections to themselves, for the sake of staying connected to the nurturing environment, without which the child cannot survive. A lot of children are in this dilemma – ‘can I feel and express what I feel or do I have to suppress that in order to be acceptable, to be a good kid, to be a nice kid?’” ~ Dr. Gabor Mate


Was ist das Bedürfnis nach Bindung?

Gemäss Dr. Gordon Neufeld zufolge ist Bindung der Wunsch nach körperlicher und emotionaler Nähe zu anderen. Sie ist für das menschliche Überleben unerlässlich, da sie es uns ermöglicht, Fürsorge zu erhalten und anderen zu geben. Vor allem für Säuglinge, die zu den unreifsten, abhängigsten und hilflosesten aller Tiere gehören, ist Bindung eine Lebensnotwendigkeit. Ohne den Drang, den Bezugspersonen nahe zu sein und von ihnen umsorgt zu werden, könnten wir nicht einmal einen Tag lang überleben.

Unser Gehirn ist von Geburt an darauf programmiert, Bindungen einzugehen. Dieser fest verdrahtete Drang wird durch komplexe neuronale Netzwerke reguliert, die uns ermutigen, denjenigen nahe zu sein, die wir zum Überleben brauchen. Oft ist der Bedürfnis nach Bindung so stark, dass er die rationalen, logischen und bewussten Denkprozesse überwältigen kann; dies erklärt unser Verhalten in vielen verschiedenen Bereichen.


Vom Säuglingsalter bis zum Erwachsenenalter bleibt die Abhängigkeit von anderen eine notwendige und dauerhafte Gegebenheit. Babys übermitteln ihren Bezugspersonen zwei unbestreitbare Signale: Weinen und Niedlichkeit. Dies sind instinktive Verhaltensweisen, die von der Natur so angelegt sind, dass sie sicherstellen, dass unsere Bezugspersonen uns treu und liebevoll umsorgen. Unser Bedürfnis nach Bindung verschwindet nicht einfach, es treibt uns vielmehr unser ganzes Leben lang weiter an. Unzureichende Bindungsfähigkeiten können verheerende Auswirkungen auf die Psychologie und Physiologie von Erwachsenen haben.


Unsere frühesten Beziehungen und die Bewältigungsstrategien, die wir entwickeln, um sie aufrechtzuerhalten, dienen als Vorlage für den Umgang mit all unseren wichtigen Beziehungen. Diese Beziehungen sind so einflussreich, dass ihre Auswirkungen noch lange zu spüren sind auch nachdem wir aus der kindlichen Phase herausgewachsen sind. Diese Schablone folgt uns in unsere Interaktionen mit Familie, Partnern, Arbeitgebern, Freunden, und Kollegen.


Das Bedürfnis nach Authentizität

Eines unserer weiteren zentralen Bedürfnisse ist Authentizität. Sie kann definiert werden als die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben und das eigene Leben auf der Grundlage eines tiefen Verständnisses seiner selbst zu gestalten. Authentizität ist nicht nur ein abstrakter Wunsch oder eine Richtung für diejenigen, die an persönlichem Wachstum interessiert sind, sondern ein Antrieb, der mit unseren Überlebensinstinkten verbunden ist. Wenn wir auf unser Bauchgefühl achten und es respektieren, hatten unsere afrikanischen Vorfahren in der Savanne eine größere Chance, natürliche Raubtiere zu überleben. Wenn wir auf unsere innere Stimme hören und ihre Warnungen beherzigen, können wir in Sicherheit bleiben und Entscheidungen treffen, die unserem Überleben dienen.


Der Ursprung des Begriffs "Authentizität" lässt sich auf das griechische Wort "autos" zurückführen, was "selbst" bedeutet. Authentisch zu sein bedeutet, dem wahren und einzigartigen Wesen seiner selbst treu zu bleiben und sich bei seinen Entscheidungen von diesem inneren Antrieb leiten zu lassen. Auch wenn ein starkes Selbstbewusstsein Unabhängigkeit bedeutet, heißt das nicht, dass man sich nicht um andere kümmern oder von ihnen beeinflusst werden kann. Authentizität erfordert nur, dass wir selbst, statt der Erwartungen von außen, der Ursprung und Experte unseres Lebens sind.


Der Konflikt zwischen Bindung und Authentizität

Das Unglück entsteht nicht dadurch, dass wir diese beiden Wünsche nach Bindung und Authentizität haben, sondern durch das Leben, das oft einen Konflikt zwischen ihnen schafft. Dies führt zu einer schwierigen Frage: Was geschieht, wenn unser Bedürfnis nach Bindung mit unserem Wunsch, authentisch zu sein, in Konflikt gerät? Dieser Konflikt kann durch verschiedene Umstände entstehen, beispielsweise durch Sucht der Eltern, psychische Erkrankungen, Gewalt in der Familie, Armut, offene Konflikte oder tiefes Unglück. Er kann auch ohne diese extremen Bedingungen auftreten, wenn Menschen nicht so gesehen und akzeptiert werden, wie sie sind. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Bindung und Authentizität kann großes Leid und Kummer verursachen.


Kindern wird oft beigebracht, dass bestimmte Aspekte ihrer Persönlichkeit wünschenswert sind und andere nicht. Diese Haltung kann zu einer Spaltung ihres Selbstbewusstseins führen. Eine Aussage wie "Gute Kinder schreien nicht", die in einem verärgerten Ton gesagt wird, kann eine starke Warnung sein: "Wütende Kinder werden nicht geliebt." Dies kann dazu führen, dass Kinder das Bedürfnis haben, "nett" zu sein oder ihre Wut zu verbergen, um von ihren Eltern akzeptiert zu werden. Oder sie verinnerlichen, dass sie nur dann liebenswert sind, wenn sie erfolgreich sind, was zu einem Leben voller Perfektionismus und mangelnder Selbstannahme führt. Dies kann zu Versagensängsten und der Unfähigkeit führen, durchschnittliche Leistungen zu akzeptieren, während sie das Gefühl haben, nicht geliebt zu werden.


In der ersten Lebensphase steht die Bindung im Vordergrund, so dass bei einem Konflikt zwischen den Bedürfnissen im Leben eines Kindes das Ergebnis fast vorprogrammiert ist. Wenn ein Kind die Wahl hat, seine Emotionen zu verbergen, um sein Grundbedürfnis nach Bindung zu befriedigen, oder sich selbst zu sein und dabei zu verzichten, wird es sich fast immer für Ersteres entscheiden. Dies kann zu einer tragischen Situation führen, in der das Überleben dadurch gesichert wird, dass das Kind sein wahres Selbst und seine Emotionen opfert. Wir wählen unsere Bewältigungsmechanismen vielleicht nicht bewusst, aber sie bleiben fest und unnachgiebig. Diese gewohnheitsmäßigen Verhaltensweisen werden zu unserer "neuen Normalität", fast wie Tapeten, und prägen sich in unserem Nervensystem als Anpassungsstrategien ein.


Anpassungsstrategien, die später zu Krankheiten führen können

Anpassungsstrategien sind als maßgeschneiderte Antworten auf bestimmte Probleme gedacht und eignen sich nicht für alle Szenarien. Ebenso können die persönlichen Veränderungen, die wir vornehmen, um schwierige Zeiten im Leben zu überstehen, erhalten bleiben, auch wenn sich die Bedingungen geändert haben und sie nicht mehr vorteilhaft sind. Vielleicht sind wir uns dessen nicht bewusst und nicht in der Lage, diese Veränderungen, die nicht mehr zu unserer aktuellen Situation passen, zu verwerfen.


Es kann zum Nachdenken anregen zu erkennen, dass die Persönlichkeitsmerkmale, mit denen wir uns identifizieren und auf die wir manchmal stolz sind, oft aus einer Trennung von unserem authentischen Selbst in der Vergangenheit entstanden sind. Die Ursprünge dieser Eigenschaften lassen sich oft in ihrer Form erkennen: Bestimmte Qualitäten können oft mit bestimmten Arten von Verletzungen in Verbindung gebracht werden. Wenn jemand zum Beispiel nicht die bedingungslose Aufmerksamkeit erhält, die jeder Mensch braucht, kann er versuchen, sich vor diesem Mangel zu schützen, indem er auf seine körperliche Attraktivität oder andere Qualitäten fixiert wird, die Aufmerksamkeit erregen. Wenn einem Kind nicht das Gefühl vermittelt wird, dass es ständig und bedingungslos geschätzt wird, kann es dazu heranwachsen, übermäßig charmant zu sein, wie viele Persönlichkeiten der Öffentlichkeit. Wenn jemand in seiner Jugend nicht das Gefühl hat, für das geschätzt zu werden, was er ist, kann er dazu getrieben werden, Status oder Reichtum zu erwerben. Und wenn man uns nicht das Gefühl gibt, dass wir wichtig sind, nur weil es uns gibt, versuchen wir vielleicht, Bedeutung zu erlangen, indem wir übermäßig hilfreich sind und uns für andere aufopfern.


Es ist zwar allgemein bekannt, dass die Unterdrückung von Emotionen negative Folgen für den Körper hat, doch können diese Auswirkungen in den meisten Fällen rückgängig gemacht werden. Allerdings kann es zu körperlichen und psychischen Schäden kommen, wenn Emotionen über einen längeren Zeitraum hinweg unterdrückt werden. Menschen können versuchen, unangenehme Gefühle zu vermeiden, indem sie sie ignorieren. Dies kann jedoch zu einer erhöhten Aktivität des sympathischen Nervensystems führen und gesundheitliche Probleme verursachen.



Source: https://drgabormate.com/book/the-myth-of-normal/








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